Ein Brief vom 10.1.2026:

Liebe Nachbarschaft,

ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber ich war in den Zeiten des Stromausfalls mächtig stolz auf unsere Kirchengemeinde. Es war unglaublich, was die beiden Pfarrerinnen, die Küsterin und andere Gemeindemitglieder und ehrenamtliche Helfer:innen in kürzester Zeit an Hilfe für Betroffene auf die Beine gestellt haben. Es gab mehr als genug Schlafplätze, Essen, Kerzen, Aufwärm- und Handyaufladestationen, mehr Angebote als Nachfragen. Zudem sind einige durch dunkle Straßen gefahren und haben dort geforscht, ob noch jemand Unterstützung und Warmgetränke braucht. Andere haben Betroffene aufgenommen. Nach meiner subjektiven Wahrnehmung war die Emmaus-Gemeinde die aktivste in ganz Berlin. Und genau darauf war ich so stolz. Ich glaube, das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines über nunmehr bald 100 Jahre gewachsenenen Nachbarschaftsgeistes.

Ich würde das gerne der Gemeinde zum Ausdruck geben und am Montag im Namen der Nachbarschaft kleine Geschenke für die beiden Pfarrerinnen und die Küsterin abgeben. Ich denke, das ist auch in Ihrem Sinne. Und falls Sie persönlich die Gelegenheit haben, dann fände ich es toll, wenn auch Sie sich bedanken würden. Auch bei den anderen Helfer:innen. Frau Charnow aus dem Elektroladen in der Ladenstraße zum Beispiel war auch sehr aktiv. Und viele andere.

Viele befürchten ja, dass in Ausnahmesituationen „der Mensch des Menschen Wolf wird“, wie der Philosoph Thomas Hobbes es beschrieb, und Diebstähle, Plünderungen und Verbrechen extrem zunehmen. Ja, natürlich nützen einige das aus, es gab im stromlosen Südwesten auch einige Einbruchsversuche. Aber die Gegenseite ist meist viel stärker – die Hilfsbereitschaft wächst enorm. Das hat auch die US-Essayistin Rebecca Solnit in ihrem Buch „Paradise in Hell“ beschrieben. Sie hat 2005 die Flutkatastrophe in New Orleans als Folge des Hurricans Katrina miterlebt. Und siehe da: Auf die Wasserflut folgte eine Flut der Solidarität und Nächstenliebe. Dieselbe Reaktion fand sie in praktisch allen anderen Krisen und Katastrophen vor.

Traurig nur, dass eine kleine Minderheit solche Krisen zum Anlass nimmt, in Social Media zu hetzen – gegen Ukrainer:innen, die uns angeblich die Notstromaggregate wegnehmen, oder gegen die regierende „Elite“. Ich persönlich finde es ungerecht, wie mit Kai Wegner umgegangen wird. Er steht mir politisch sehr ferne, aber ich habe dennoch Verständnis dafür, dass jemand sich eine Stunde Auszeit nimmt und Tennis spielt, wenn er unter extremem Druck steht, damit er nachher wieder klarer denken kann. Wir sind alle nur Menschen mit einem menschlichen Körper und müssen extremen Stress abreagieren können und dürfen, damit er uns nicht traumatisiert. Schade nur, dass Wegner sich so ungeschickt verteidigt hat. „Tennisgate“ wird jetzt aber vor allem von der Presse hochgeschrieben – als Journalistin schäme ich mich in diesem Punkt für meine Kolleg:innen.

Ich finde viel wichtiger, dass wir diesen „Warnschuss“ zum Anlass nehmen, darüber nachzudenken, wie wir alle krisenfester werden. Es wird leider nicht der letzte Anschlag und die letzte Katastrophe sein, die wir erleben. Im Umfeld des Vereins Papageiensiedlung und der kliQ-Genossenschaft hatten wir uns schon 2025 vorgenommen, mal ein Treffen zum Thema „Solidarisches Preppen“ zu organisieren. Damit wir im Ernstfall vorbereitet sind und wissen, wo und wir den Schwächsten helfen können. Ich werde Sie darüber auf dem Laufenden halten.

Warme Grüße von Ute Scheub